Wie entsteht ein Hörspiel?
Von der ersten Idee, bis zum räumlichen Klangerlebnis
Am Anfang steht eine Geschichte. Aus ihr entsteht ein Hörspielskript mit Dialogen, Geräuschen und akustischen Szenen. Bei unserem Projekt bildet Platons Höhlengleichnis die Grundlage.
Wer spricht welche Figur? Wie klingt eine Stimme, die Angst, Neugier oder Erkenntnis vermittelt? Gemeinsam erarbeiten wir die Rollen und üben ihre sprachliche Gestaltung.
Im Studio werden die Stimmen auf genommen. Dabei achten wir auf Aussprache, Ausdruck, Lautstärke und möglichst störungsfreie Aufnahmen. Einzelne Sprechrollen können auch getrennt aufgenommen werden.
Schritte, Ketten, Feuer und Stimmen im Hintergrund lassen die Höhle lebendig werden. Manche Geräusche nehmen wir selbst auf, andere entstehen durch die kreative Bearbeitung vorhandener Klänge.
Aus vielen einzelnen Aufnahmen entsteht eine zusammenhängende Geschichte. Stimmen, Geräusche und Musik werden geschnitten, bearbeitet und in ein gemeinsames Klangbild gebracht.
Nach der abschließenden Klangbearbeitung und Qualitätskontrolle ist das Hörspiel bereit für sein Publikum. Nun wird aus vielen einzelnen Beiträgen ein gemeinsames Hörerlebnis.
Was ist binaurales Hören?
Stelle Dir vor, Du sitzt mit geschlossenen Augen in einer Höhle. Vor Dir spricht ein Mensch, während hinter Dir jemand über den steinigen Boden läuft. Von rechts hörst Du das Tropfen von Wasser, irgendwo in der Ferne hallt eine Stimme wider. Obwohl Du nichts siehst, entsteht in Deinem Kopf das Bild eines Raumes. Du kannst wahrnehmen, aus welcher Richtung die Geräusche kommen und wie weit ihre Quellen ungefähr entfernt sind.
Genau dieses räumliche Hörerlebnis lässt sich mit der binauralen Audiotechnik nachbilden.
Wie funktioniert binaurales Hören?
Der Begriff binaural bedeutet „mit beiden Ohren“. Unser Gehirn nutzt die Unterschiede zwischen den Schallsignalen, die unsere beiden Ohren erreichen, um die Richtung einer Schallquelle zu bestimmen.
Kommt beispielsweise ein Geräusch von rechts, erreicht der Schall das rechte Ohr einen winzigen Augenblick früher als das linke. Außerdem ist das Geräusch am rechten Ohr häufig etwas lauter. Unser Kopf wirkt dabei wie ein Hindernis, das den Schall auf seinem Weg zum gegenüberliegenden Ohr verändert.
Hinzu kommt die besondere Form unserer Ohrmuscheln. Sie verändert den Klang abhängig davon, ob ein Geräusch von vorne, hinten, oben oder unten kommt. Aus diesen feinen Unterschieden berechnet unser Gehirn fortlaufend, wo sich eine Schallquelle befindet.
All das geschieht automatisch. Wir müssen nicht darüber nachdenken, aus welcher Richtung uns jemand anspricht. Wir hören es einfach.
Wie entsteht eine binaurale Aufnahme?
Eine Möglichkeit besteht darin, einen sogenannten Kunstkopf zu verwenden. Dabei handelt es sich um die Nachbildung eines menschlichen Kopfes mit zwei Mikrofonen, die sich an den Positionen der Ohren befinden.
Die Mikrofone zeichnen den Schall so auf, wie er an den beiden Ohren ankommt. Wird diese Aufnahme später über Kopfhörer wiedergegeben, entsteht ein erstaunlich realistischer räumlicher Höreindruck.
Eine andere Möglichkeit besteht darin, die räumlichen Eigenschaften des Schalls am Computer nachzubilden. Dazu werden spezielle Filter verwendet, sogenannte Head-Related Transfer Functions (HRTF). Sie simulieren, wie Kopf, Oberkörper und Ohrmuscheln den Schall verändern.
So kann eine zunächst ganz gewöhnliche Sprachaufnahme nachträglich im virtuellen Raum platziert werden. Eine Stimme lässt sich beispielsweise von links nach rechts bewegen oder scheinbar hinter Dir positionieren.
Platons Höhle als akustisches Erlebnis
Für unser Hörspielprojekt „Platons Höhlengleichnis“ nutzen wir diese Möglichkeiten, um die philosophische Erzählung räumlich erfahrbar zu machen.
Platon beschreibt Menschen, die seit ihrer Kindheit in einer Höhle gefesselt sind. Sie können nur auf eine Wand vor sich blicken. Hinter ihnen brennt ein Feuer. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen werden Gegenstände vorbeigetragen, deren Schatten auf die Höhlenwand fallen. Die Gefangenen halten diese Schatten für die Wirklichkeit, weil sie nichts anderes kennen.
Wie könnte diese Höhle klingen?
Die Gefangenen hören vielleicht Stimmen, die durch den Raum hallen. Hinter ihnen knistert das Feuer. Schritte bewegen sich über den steinigen Boden. Gelegentlich fällt ein Wassertropfen von der Höhlendecke. Die Geräusche werden von den Felswänden reflektiert und erreichen die Zuhörenden aus unterschiedlichen Richtungen.
Mit binauraler Audiotechnik können wir diese akustische Umgebung gestalten. Ein Sprecher kann sich scheinbar von hinten nähern, während eine andere Stimme weit entfernt aus der Höhle zu hören ist. Auch der Unterschied zwischen dem engen, dunklen Höhlenraum und der offenen Außenwelt lässt sich klanglich darstellen.
Dabei spielt nicht nur die Richtung eines Geräusches eine Rolle. Auch Nachhall, Lautstärke, Klangfarbe und die zeitliche Verzögerung von Schallreflexionen tragen dazu bei, dass unser Gehirn einen Raum wahrnimmt.
Ein Hörspiel, das im Kopf entsteht
Das Besondere an binauralen Hörspielen ist, dass Du nicht nur einer Geschichte lauschst. Du kannst den Eindruck gewinnen, Dich selbst mitten im Geschehen zu befinden.
Während ein herkömmliches Stereohörspiel Klänge vor allem zwischen dem linken und rechten Lautsprecher verteilt, kann eine binaurale Produktion einen dreidimensionalen Höreindruck erzeugen – auch vor, hinter und über Dir.
Wie überzeugend dieser Effekt wahrgenommen wird, hängt unter anderem von der Aufnahme, der technischen Bearbeitung und den individuellen Eigenschaften des Gehörs ab.
Am besten erlebst Du ein binaurales Hörspiel mit Kopfhörern. Denn nur so gelangen die für das linke und rechte Ohr vorgesehenen Signale weitgehend getrennt an ihre jeweiligen Empfänger.
Und vielleicht entsteht dann etwas Faszinierendes: Du sitzt tatsächlich in Deinem Wohnzimmer, hast aber für einen Augenblick das Gefühl, Dich in Platons Höhle zu befinden.
